Willkommen in der Servicegalaxie Kunstszene! 
Veröffentlicht am 28. April 2025 um 18:40


 

Wie wird man eigentlich ein guter Künstler*in? 

 

Diese Frage öffnet mein erstes Fenster – neugierig, direkt und mit einem Augenzwinkern.
Ich bin Malerin und Kunstpädagogin. Ich habe Ausstellungen geleitet, Ateliers geteilt, Ideen verhandelt, Träume gemalt. Keine Wissenschaftlerin, keine Kunsthistorikerin – und das ist gut so. Ich will erzählen, beobachten, manchmal schimpfen, oft staunen – über das, was mich bewegt, herausfordert und inspiriert. 

Ich komme aus einer bodenständigen, handwerklichen, polnischen Welt, in der Kunst ein Luxus war, den man sich selten leisten konnte. Vielleicht rührt daher meine Leidenschaft, Schönheit in Alltäglichem zu suchen – in einem Pinselstrich, im Licht auf einem Blatt, in der Farbe eines verblassten Stoffes. 

Heute lebe ich zwischen der Sehnsucht nach Anschluss in der Kunstszene und der Erkenntnis, dass ich vielleicht aus finanziellen Gründen nie ganz dazugehören werde – und das nehme ich mit Humor. Ich bin eine, die ihren Platz immer wieder neu erfindet, aus dem, was gerade da ist. 

Mich begeistert das, was sich nicht festhalten lässt: das Geheimnisvolle, das Flüchtige, das Unerklärbare. Ich springe von Idee zu Idee, über Zweifel und Euphorie, manchmal mit Ironie – immer auf der Suche nach einem authentischen Ausdruck. Genau darin finde ich mich selbst – in der Bewegung, im Wandel, in der ständigen Verwandlung meiner eigenen Handschrift. 

Der Kunstbetrieb im Jahr 2025

 

Wenn ich durch Ateliers oder Galerien gehe, spüre ich oft diese eigentümliche Mischung aus Bewunderung, Neugier – und Distanz. Es ist, als bewege man sich in einem fein gesponnenen Netz aus Bekanntschaften, Erwartungen und unausgesprochenen Hierarchien. Bei Ateliereröffnungen fällt mir immer wieder auf: Viele der Besucher sind selbst Künstler*innen – meist älter, erfahren, etabliert. Junge Gesichter? Kaum zu sehen. 

Woran liegt das? Vielleicht daran, dass die Schwelle zur Kunstwelt für viele noch immer hoch ist – nicht nur intellektuell, sondern auch ökonomisch. Wer kein großes Atelier, keine Kontakte, keine Zeit oder kein Kapital hat, bleibt oft unsichtbar. 

Ein Künstler erklärte mir einmal, mein Studium an der Goethe-Universität gelte nicht als „richtiges“ Kunststudium – weil ich nicht am Städel war. Solche Sätze bleiben hängen. Sie riechen nach einem alten System, das immer noch glaubt, Legitimität entstehe durch Zugehörigkeit. Ich nenne das die Nahrungskette der Kunst: Wer an der richtigen Stelle gefüttert wird, darf bleiben; wer nicht, muss sehen, wo er bleibt. 

Aber ist Kunst nicht genau das Gegenteil von Anpassung? Muss man sich in vorgefertigte Schubladen pressen lassen, um ernst genommen zu werden?
 Ich glaube nicht. Ich glaube, dass Kunst dann lebendig ist, wenn sie Ecken und Kanten hat, wenn sie Fragen stellt, die niemand hören will, und Räume öffnet, die jenseits des Marktes liegen. 

Und doch spüre ich, wie sich viele Künstler*innen nach Sicherheit sehnen – nach Anerkennung, nach Struktur, nach Bestätigung. Der Kunstbetrieb reagiert darauf mit Themen, Trends und Förderprogrammen, die Orientierung versprechen.
 Doch oft wirkt das Ganze wie eine große Überlebensstrategie: Survival of the trendiest. 

Ich frage mich, was passiert, wenn wir diese äußeren Strukturen einmal loslassen. Wenn Kunst wieder zum Spielraum wird, nicht zum System. Vielleicht liegt genau darin die Freiheit, die wir suchen. 

 

Neue Orientierung 

Immer wieder höre ich diese Pauschalurteile:
Junge Künstler*innen seien orientierungslos, faul, zu sehr im Internet, zu wenig „echt“.
Doch was bedeutet „echt“ in einer Zeit, in der Realität längst digital mitgeschrieben wird? 

Die Lebenswirklichkeit hat sich verändert. Früher boten Akademien, Vereine oder Meister-Schüler-Verhältnisse einen verlässlichen Rahmen. Heute balancieren viele Kunstschaffende zwischen wirtschaftlichem Druck, Selbstvermarktung und einem unüberschaubaren Strom an Eindrücken. Orientierungslosigkeit ist nicht Bequemlichkeit – sie ist eine Reaktion auf den Verlust fester Strukturen. 

Ich sehe junge Künstler*innen, die gleichzeitig malen, filmen, posten, collagieren, sich vernetzen, um sichtbar zu bleiben. Und ich sehe ältere Generationen, die darüber den Kopf schütteln. Vielleicht, weil sie sich eine Welt zurückwünschen, in der Kunst noch nach Öl roch und das eigene Atelier ein Ort des Schweigens war.
Aber die Zeiten haben sich geändert – die Welt ist laut geworden, flüchtig, übervoll, und gerade darin suchen viele von uns neue Ausdrucksformen. 

Ich glaube, es ist an der Zeit, aufzuhören, über Generationen zu urteilen.
Viel wichtiger ist die Frage:
Welche Räume braucht die nächste Generation der Kunstschaffenden?
Räume, in denen man ausprobieren darf, ohne sofort bewertet zu werden.
Räume, die Dialog ermöglichen – zwischen Digitalität und Handwerk, zwischen Erfahrung und Neugier. 

Kunst ist kein Wettkampf, kein Bewertungssystem. Sie ist ein gemeinsames Fragen.
Und vielleicht beginnt alles genau dort – wo wir wieder lernen, zuzuhören. 

 

Bilder der Gegenwart 

Manchmal frage ich mich, welche Bilder heute überhaupt noch zählen. Die Naturidylle, die wir so gerne malen, ist längst ein Plastikmeer. Und doch pinseln wir weiter aufgeräumte Wälder, klare Flüsse, unberührte Landschaften – vielleicht, weil wir uns danach sehnen, dass sie noch existieren. Kunst wird dann zur Erinnerung, zum Wunschbild, zur stillen Beschwörung einer verlorenen Welt. 

Frauenakte werden neu inszeniert – mit feministischen Titeln, mit Symbolen, mit Schlagworten. Aber die Striche sind oft dieselben geblieben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir Themen aufladen, um sie zu rechtfertigen, statt sie einfach zu leben. 

Und die Rauminstallationen?
Sie wachsen in alle Richtungen – von Keramik über Plastik bis hin zu Abfall, Textilien, Stein. Alles darf Kunst sein, alles wird kombiniert, recycelt, transformiert. Manchmal ist es beeindruckend, manchmal auch ein wenig wie Galaxis Schrott – aber vielleicht liegt genau darin die Wahrheit unserer Zeit: im Überfluss, im Experiment, im Versuch, aus dem Chaos Sinn zu formen. 

Was ich daran liebe, ist der Mut.
Der Mut, Dinge zu berühren, die unbequem sind, und Materialien zu verwenden, die sonst niemand anfassen will.
Denn jedes Material trägt ein Gedächtnis in sich – und vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe der Kunst heute: dieses Gedächtnis sichtbar zu machen, bevor es verschwindet. 


„Künstler müssen erst sterben, um berühmt zu werden“, sagte mal meine Mutter zu mir.
Ich sehe das anders. Das Internet hat mir Türen geöffnet, mich mit Künstler*innen weltweit verbunden. Tamara de Lempicka nutzte einst Beziehungen – ich nutze digitale Möglichkeiten. Ich wachse in meinem eigenen Tempo. 

Mein Tipp für Kunstschaffende 

Der Kunstmarkt – ein zähes Biotop. Wer sich darin bewegt, merkt schnell, dass Freiheit zwar bewundert, aber selten geschätzt wird. Galerien, Vereine, Stiftungen – sie alle suchen nach Konzepten, die sich gut verkaufen, gut erklären oder gut in Förderanträge einpassen.
Das Wort „passend“ fällt überhaupt erstaunlich oft. 

Ich habe Ausstellungen organisiert, bei denen plötzlich entschieden wurde, dass ein Bild „nicht ins Thema“ passt – zu persönlich, zu poetisch, zu wenig konzeptuell. Und ich habe erlebt, dass Bilder besser verkauft werden, wenn sie farblich mit Sofakissen harmonieren. Kunst als Wanddekoration, damit der Sekt beim Opening besser perlt. 

Natürlich ist Kunst auch Markt, auch Handwerk, auch Austausch. Aber manchmal frage ich mich:
Wann haben wir angefangen, Harmonie für Bedeutung zu halten?
Wann wurde das Mutige zum Risiko und das Gefällige zum Ideal? 

Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Künstler*innen zwischen Anpassung und Authentizität schwanken.
Wir wollen gesehen werden – aber nicht vereinnahmt. Wir wollen unabhängig bleiben – aber auch leben können.
Und irgendwo dazwischen liegt dieser fragile Punkt, an dem Kunst aufhört, ein Produkt zu sein, und wieder zu dem wird, was sie ursprünglich war: ein Dialog. 

@Ola_malerei